Die Bedeutung von Pflegeeltern
- 15. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. März
In diesem Beitrag werden wir aus fachlicher Sicht beschreiben, warum Pflegeeltern eine besonders wertvolle Hilfe für hilfsbedürftige Kinder darstellen.
Dazu werden wir kurz auf die Herausforderungen und den Bedarf eingehen, den Pflegekinder mit sich bringen, um danach zu erläutern, warum ein Familiensetting, mit kompetenten und verantwortungsvoll handelnden Erwachsenen die beste Hilfeform für diese Kinder ist.
Die stillen Herausforderungen von Pflegekindern
Wir selbst arbeiten in unseren intensiv-sozialpädagogischen Einrichtungen, mit Kindern, die viel Leid erdulden mussten und zu Beginn des Aufenthaltes bei uns, sehr anstrengendes Verhalten zeigen. Die Mehrzahl von ihnen kommt zu uns, nachdem die vorhergehende Hilfe gescheitert ist.
Auf Grund unserer Erfahrungen als Pflegeeltern-Coach, wissen wir, dass Pflegekinder die gleichen Herausforderungen mit sich bringen, wie die Kinder, die wir in unseren intensiv-sozialpädagogischen Einrichtungen begleiten. Auch hier sind es Kinder mit besonderen, wir sagen dazu komplexen Erziehungsbedarf.
Es sind Kinder mit entwicklungstraumatischen Erfahrungen, die oftmals zudem von einer frühkindlichen Hirnschädigung betroffen sind.
Ihre bisherige Lebensgeschichte war von Mangel und Leid geprägt. Die Abwesenheit von ausreichender Sicherheit, Geborgenheit und Unterstützung hat dazu geführt, dass sie gezwungen waren sich anzupassen, um so, entsprechend ihren Möglichkeiten für sich selbst zu sorgen. Allein auf sich gestellt und um sich zu schützen entwickeln Kinder mit entwicklungstraumatischen Erfahrungen oftmals Verhaltensmuster, die wir als destruktiven Verselbstständigung beschreiben.
Um hier eine Vorstellung davon zu bekommen, was das im Zusammenleben bedeuten kann ein paar Beispiele:
stark widersetzendes Verhalten bei kleinsten Anforderungen, verbunden mit Wutausbrüchen
ältere Kinder, die immer noch einkoten und einpullern, so dass täglich die Wäsche gewaschen werden muss
Aggressionen gegenüber Geschwistern und Pflegeeltern
starke Irritationen durch kleine Änderungen im Tagesablauf führen zu ImpulsdurchbrüchenUnvermögen selbstständig oder mit anderen Kindern zu spielen
Im Focus ... Lernen – statt heilen
Für uns ist es wichtig, zu verstehen, dass diese Kinder, um ihnen eine Lebensperspektive und später Wahlmöglichkeiten als Erwachsene zu ermöglichen, nicht der Heilung bedürfen, sondern einer Unterstützung, um das Richtige zu lernen und sich gut zu entwickeln.Diese Kinder stehen vor einem enormen Lern- und Umlernprozess. Sie müssen vieles lernen, was sie eigentlich schon beherrschen müssten und zudem vieles wieder verlernen, was im Zusammenleben mit anderen, unerwünscht ist.Aus pädagogischer Sicht bedeutet dies, dass Entwicklungsdefizite aufgeholt, destruktive Verhaltensmuster ersetzt und Selbststeuerungskompetenzen aufgebaut werden müssen. Hinzu kommt, dass diese Kinder wie jedes andere Kind auch ihre normalen Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen.Damit wird ersichtlich vor welchen Aufgaben diese Kinder stehen.
Das familiäre Pflegesetting als optimale Betreuungsform
Was macht nun eine Pflegefamilie so geeignet, um diese Aufgaben zu bewältigen oder warum sind Pflegefamilien für Kinder mit komplexem Erziehungsbedarf so geeignet?Dafür gibt es mehrere Gründe, die wir hier kurz schildern möchten.
Kinder mit komplexem Erziehungsbedarf benötigen eine besonders strukturierte und gleichförmige Umwelt, damit sie ausreichend Sicherheit und Orientierung erleben. Sie sind schnell überfordert, wenn sie sich in größeren Systemen, wie Kindergarten, Schule oder in Gruppen mit anderen Kindern im Heim orientieren und behaupten müssen.Diese Überforderung führt dazu, dass ihre alten destruktiven Verhaltensmuster gestärkt und das Erlernen neuer Verhaltensweisen erschwert werden.Gleichzeitig fällt es Kindern mit komplexen Erziehungsbedarf schwer eine stabile Beziehung zu Erwachsenen aufzubauen. In unseren intensiv-sozialpädagogischen Einrichtungen arbeiten unsere Kolleginnen und Kollegen in Schichten. D.h. sie sind über mehrere Tage abwesend und für die Kinder nicht erreichbar. Zudem müssen die Kinder sich an eine Vielzahl von Persönlichkeiten und deren Eigenarten orientieren.
Ein Familiensetting ist einfacher, konstanter und für diese Kinder überschaubarer. Hier können sie, entsprechend ihres Vermögens Sicherheit und angemessene Zuwendung erleben.Im Gegensatz zu einer Einrichtung leben die Kinder mit zwei Erwachsenen, die immer da sind.
Dadurch lässt sich das einheitliche Handeln der Erziehungspersonen, welches von großer Bedeutung ist, besser realisieren.
Des weiteren erleben die Kinder in einer Familie eine andere Art von Geborgenheit und Zuwendung. Sie erfahren hautnah, wie man in einer Familie (Rituale, Routinen, Regeln, Werte) zusammenlebt. Das sind wichtige Erfahrungen, um dann als Erwachsene selbst eigenständig sowie gemeinschaftsfähig zu leben und in angemessener Form Kinder zu erziehen.
Verbunden mit einer gezielten Entwicklung auf Grundlage einer verantwortungsbewussten Erziehung besitzen Pflegefamilien somit ein großes Potenzial, um bedürftigen Kindern eine geeignete Hilfe zu Teil werden zu lassen.
Hier die Zusammenfassung:
Die Pflegefamilie ist ausfolgenden Gründen für Kinder mit komplexem Förderbedarf besonders geeignet:
Sicherheit durch Struktur: Diese Kinder benötigen eine besonders strukturierte, gleichförmige und überschaubare Umgebung, um die dringend notwendige Sicherheit und Orientierung zu finden.
Schutz vor Überforderung: Größere Systeme wie Kita, Schule oder große Wohngruppen überfordern diese Kinder schnell, was alte, destruktive Muster reaktiviert. Ein Familiensetting bleibt hingegen überschaubar.
Konsistente Bindung: Im Gegensatz zum Schichtdienst in Einrichtungen erleben die Kinder in der Regel zwei erwachsene, permanente Bezugspersonen. Das dadurch erleichterte einheitliche Handeln der Eltern ist von entscheidender Bedeutung für den Fortschritt.
Unersetzliches soziales Lernen: Kinder erfahren hautnah, wie das familiäre Zusammenleben durch Routinen, Rituale, Regeln und gemeinsame Werte funktioniert. Diese Erfahrungen sind unersetzlich, um später als Erwachsene selbstständig sowie gemeinschaftsfähig zu leben und in der Lage zu sein, eigene Kinder angemessen zu erziehen.
Verbunden mit einer gezielten und verantwortungsbewussten Erziehung bietet die Pflegefamilie somit das größte Potenzial für eine nachhaltig geeignete Hilfe.
Fazit: Mehrwert für Kind und Pflegeltern
Die Pflegefamilie stellt das natürlichste Zuhause dar und kann eine homogene Lebenswelt bereitstellen, die den spezifischen Bedarf dieser Kinder nach Sicherheit, Orientierung und Geborgenheit optimal abdeckt. Dies schafft die notwendigen Voraussetzungen, damit sich das Kind endlich seiner Entwicklung widmen kann.
Und nicht zu vergessen. Der Mehrwert für Pflegeeltern ist ebenso einzigartig wie die Herausforderung: Sie finden einen tiefen Sinn und eine besondere Erfüllung, indem sie einem bedürftigen Kind eine langfristige Lebensperspektive eröffnen und gleichzeitig an ihrer eigenen Entwicklung wachsen.
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