Mit Herz und Verstand - die Bedeutung von Fachlichkeit für Pflegeeltern
- 12. März
- 4 Min. Lesezeit
Anfrage einer Pflegemutter an den Pflegeelternverein Nordwestmecklenburg e.V.
"Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin selbst seit vielen Jahren Pflegemutter. Ich habe mich mit Herzblut dafür entschieden und bin immer noch mit Herzblut dabei. Auf Ihrer Internetseite habe ich gelesen, dass Sie die Pflegeeltern darin unterstützen, Fachlichkeit zu gewinnen. Ich habe mich mit diesen Gedanken beschäftigt und habe mich gefragt, ob es nicht übertrieben ist, das von Pflegeeltern zu erwarten bzw. ob es wirklich die Bedeutung hat, die Sie dieser Thematik beimessen."
Der Pflegeelternverein bat Anne Hoffmann und Steffen Neumann sich der Frage anzunehmen. Hier die Antwort.
Sehr geehrte interessierte Pflegemutter,
Wir danken Ihnen für Ihre Anfrage und respektieren Ihre kritische Haltung. Zugleich freuen wir uns, dass Sie uns damit die Gelegenheit geben, unseren Standpunkt zu begründen.
Zu Beginn möchten wir betonen, dass nach unserer Auffassung Pflegeeltern als Helfersystem für hilfsbedürftige Kinder unverzichtbar sind. Eine Hilfe innerhalb einer geeigneten Familie ist für ein Pflegekind, das besonderen Bedarf nach Sicherheit und Orientierung hat, eine einmalige Chance.
Ein großes Herz und liebevolle Pflegeeltern gehören zweifelsohne zusammen. Das Herz ist die Quelle von Emotionen, wie Freude und Stolz, aber auch die Quelle von Kraft, Zuversicht und Durchhaltevermögen in schwierigen Zeiten und Situationen. Es ist damit unverzichtbar, die anspruchsvollen Aufgaben zu meistern.
Aber warum bedarf es Fachlichkeit?
Der Grund dafür erschließt sich durch Ihre besondere Rolle und den damit verbundenen Aufgaben als Pflegeeltern.
Rolle und Aufgaben von Pflegeeltern
Pflegeeltern sind Teil eines Helfersystems, dem System der Hilfen zur Erziehung. Hier gibt es den Auftraggeber, in Form des Jugendamtes (ASD, PKD) und Dienstleister, wie z.B. stationäre Hilfen, wie Wohngruppen oder ambulante Hilfe und auch Pflegeeltern.
Mit der Aufnahme eines Pflegekindes stehen sie als Pflegeeltern vor zwei zentralen Aufgaben. Zum einen sind Sie verantwortlich für eine angemessene Entwicklung ihres Pflegekindes. Zum anderen - und das wird nicht selten vergessen - haben Sie für Ihr eigenes Wohlergehen und das Wohlergehen Ihrer Familie zu sorgen.
Die Herausforderungen entstehen dadurch, dass das Zusammenleben und die Erziehung von Pflegekindern nur ganz selten wie in einer normalen Familie verlaufen.
Erfordernis 1: Komplexer Erziehungsbedarf von Pflegekindern
Nach unseren Erfahrungen hat sich über die letzten Jahrzehnte der Hilfebedarf der Kinder, die in einer Pflegefamilie untergebracht werden, verändert. Die überwiegende Mehrzahl dieser Kinder trägt einen Rucksack mit sich. Es ist ein Rucksack mit unterschiedlichsten und schwerwiegenden Problemen. Diese sind entstanden durch das Leid und die Entbehrungen, die sie in ihrem früheren Leben erdulden mussten.
Wir sagen dazu, dass diese Kinder einen komplexen Erziehungsbedarf haben und damit das Zusammenleben mit ihnen und ihre Erziehung weit höhere Ansprüche an eine Familie stellen. D.h., durch ihre entwicklungstraumatischen Erfahrungen und / oder einer frühkindlichen Hirnschädigung stehen Pflegeeltern vor Aufgaben, die sich durch nichts von den Aufgaben in einer stationären Einrichtung, in der ErzieherInnen und SozialpädagogInnen arbeiten unterscheiden. Hier wie da müssen die Kinder darin unterstützt werden Entwicklungsdefizite aufzuholen, destruktive Verhaltensmuster zu verlernen, Selbststeuerungskompetenzen aufzubauen und, wie normal entwickelte Kinder auch ihre altersentsprechenden Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.
Erfordernis 2: Die Leistungen der Pflegeeltern werden stark durch das entsprechende Begleit- und Beratersystems (PKD) beeinflusst
Die Aufgaben, die Sie als Pflegeeltern übernehmen, sind hochgradig anspruchsvoll. Sie sind in ihrer Komplexität vergleichbar mit jenen von Fachkräften (wie ErzieherInnen oder SozialpädagogInnen) in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, für die eine fundierte Ausbildung zwingend notwendig ist.
Angesichts dieser Anforderungen ergibt sich die unabdingbare Notwendigkeit eines fachlich fundierten Begleit- und Beratersystems. In Deutschland wird dies primär durch den Pflegekinderdienst des Jugendamtes gewährleistet; in Luxemburg übernehmen die Begleitdienste diese Funktion.
Ein fachlich kompetentes Begleitsystem ist somit ein zwingend erforderlicher Bestandteil, um die Hilfe für das Pflegekind innerhalb der Pflegefamilie erfolgreich sicherzustellen. Kommt es hier zu Problemen oder mangelnder Fachlichkeit, führt dies unweigerlich zu außergewöhnlichen Belastungen und Krisen innerhalb der Pflegschaft.
D.h. als Pflegefamilie stehen Sie vor großen, nicht zu unterschätzenden Herausforderungen.
Die eigene Stabilität und die der Familienangehörigen zu sichern sowie für die Entwicklung des Pflegekindes zu sorgen, bedarf einer guten Selbstorganisation und in vielen Prozessen ein gut überlegtes Handeln, gegründet auf Fachlichkeit.
Ansonsten können schwerwiegende Probleme entstehen. Wir wissen, wovon wir sprechen, weil wir uns darauf spezialisiert haben, Pflegefamilien in Krisensituation zu helfen. Insofern sollten Herz und Fachlichkeit ein gutes Team bilden.
Am Ende finden Sie noch eine Darstellung der wichtigsten Kompetenzen, die, nach unserer Erfahrung, Fachlichkeit erzeugen. Hier würden wir Sie anregen, sich zu fragen, auf welche der Kompetenzen man verzichten könnte.
Wir wünschen Ihnen alles Gute und stehen Ihnen für weitere Fragen gern zur Verfügung.
Die zentralen Aspekte der Fachlichkeit als Pflegeeltern
1. Bereich - Rolle und Aufgaben als Pflegeeltern
Ich bin mir bewusst, dass ich Teil eines Helfersystems bin und einen klaren Auftrag im Rahmen der Jugendhilfe übernommen habe.
Ich weiß, dass meine zentrale Verantwortung das Wohlergehen und die positive Entwicklung eines hilfebedürftigen Kindes umfassen.
Mir ist bewusst, dass Pflegekinder mit hoher Wahrscheinlichkeit eine leidvolle Vorgeschichte haben, somit einen "Rucksack an Problemen" mit sich bringen und damit einen komplexen Erziehungsbedarf besitzen.
Mir ist klar, dass sich damit meine Erziehungsaufgaben deutlich von denen einer "normalen" Familie unterscheiden.
Ich kenne die spezifischen Herausforderungen, die ein Kind mit komplexem Erziehungsbedarf mit sich bringt und weiß, um die Bewältigungsstrategien im Zusammenleben mit diesen Kindern.
Ich verfüge über das ausreichende Wissen und die Fähigkeit, diese Aufgaben nicht nur emotional ("mit Herz"), sondern auch reflektiert und professionell ("mit Verstand") zu bewältigen.
2. Bereich - Stabilität der Familie
Ich bin in der Lage, aktiv und bewusst für mein eigenes Wohlergehen und die Stabilität meiner gesamten Familie zu sorgen.
Ich stelle sicher, dass alle an der Erziehung beteiligten Personen (z.B. Partner, leibliche Kinder) einheitlich und konsistent handeln.
3. Bereich - Zusammenarbeit mit dem Auftraggebersystem
Ich kenne meine Rechte als Pflegeeltern und die meines Pflegekindes im Rahmen der laufenden Hilfe.
Ich weiß, um die Verantwortung des Auftraggebersystems (Jugendamt/Begleitdienst) und welche Aufgaben es wahrnehmen muss.
Ich besitze grundlegendes Wissen darüber, wie wichtige Hauptprozesse fachlich fundiert und gesetzeskonform umgesetzt werden müssen.
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