Warum ist das Wissen über die Arbeitsweise des Jugendamtes für Pflegeeltern so bedeutsam?“
- 2. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Als Pflegeeltern sind Sie ein entscheidender Pfeiler im System der Hilfen zur Erziehung. Sie übernehmen den wichtigen Auftrag des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) des Jugendamtes: die Sicherstellung des Wohlergehens (Leben, Gesundheit und vor allem Entwicklung) eines hilfebedürftigen Kindes entsprechend seiner individuellen Bedürfnisse und Anforderungen innerhalb Ihrer Familie.
Diesen Auftrag erhalten Pflegeeltern durch das fallführende System ASD, welches die Aufgabe hat, die geeignete Hilfe für das Kind zu planen, zu beauftragen sowie deren Wirksamkeit und Qualität zu kontrollieren. Eine entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Hilfe ist dabei eine fachlich fundierte und konstruktive Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.
Was heißt das für Sie als Pflegeeltern?
Als Pflegeeltern stehen Sie vor zwei zentralen Aufgaben. Zum einem müssen Sie für die angemessene Entwicklung des aufgenommenen Pflegekindes in Ihrer Familie sorgen und zum anderen haben Sie die Verantwortung, die Stabilität des gesamten Familiensystems, Sie selbst eingeschlossen, zu gewährleisten.
Um diese Herausforderungen zu meistern, ist es wichtig anzuerkennen, dass Sie selbst als Dienstleister handeln und Ihr Leistungsvermögen maßgeblich davon abhängt, wie fachlich der ASD bzw. PKD (Pflegekinderdienst) seiner Verantwortung nachkommt. Insofern ist es für Sie als Pflegeeltern unerlässlich, sich mit der Arbeitsweise dieser fallführenden Systeme zu beschäftigen, um so selbst eine fachlich untersetzte und förderliche Zusammenarbeit aktiv einfordern zu können.
Nachfolgend finden Sie Prozesse, die besonders bedeutsam sind für eine stabile und erfolgreiche Hilfe innerhalb einer Pflegefamilie:
1. Treffen Sie eine fundierte Entscheidung
Bevor Sie sich als Pflegeeltern entscheiden ein Kind aufzunehmen, zu dem Sie angefragt worden sind, empfehlen wir Ihnen sich umfängliche Informationen einzuholen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.
Die überwiegende Zahl der Pflegekinder hat eine leidvolle Vorgeschichte, die oft durch massive Vernachlässigung und Gewalt geprägt ist. Diese Erfahrungen führen zu einem individuellen und komplexen Hilfebedarf sowie besonderen Herausforderungen im Zusammenleben und in der Erziehung.
Deshalb sollten Sie den Hilfebedarf des hilfebedürftigen Kindes so gut wie möglich verstehen, um entscheiden zu können, ob Sie den anstehenden Aufgaben gewachsen sind bzw. diese auf sich nehmen möchten.
Welche Informationen sind bedeutsam?
Es liegt in der Verantwortung des ASD, eine geeignete Hilfe zu planen. Dafür sammelt er alle relevanten Informationen zur Entwicklungsgeschichte der Kinder, ihren psychischen Beeinträchtigungen und Besonderheiten, ihren Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsdefiziten.
Nutzen Sie diese Ressourcen, um im Auftragsgespräch wichtige Fragen zu stellen.
Hier ein paar Empfehlungen:
Welchen Hilfebedarf (Bedarfsbild) besitzt das Kind?
Welche Informationen gibt es bezüglich der Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten bzw. seiner psychischen Beeinträchtigungen?
Welche konkreten, logisch abgeleiteten Ziele wurden für die Hilfe formuliert?
Welche klare Hilfeperspektive gibt es: Ist eine Rückführung zur Herkunftsfamilie in einem angemessenen Zeitraum angestrebt oder ist das Kind auf Dauer in der Pflegefamilie vorgesehen?
2. Beschäftigen Sie sich mit der Arbeitsweise des ASD bzw. PKD , um die Fachlichkeit des Handelns einschätzen zu können
In einer laufenden Hilfe übernimmt der Pflegekinderdienst (PKD) die Funktion, die Hilfe zu kontrollieren und alle mit der Hilfe verbundenen Prozesse kindeswohldienlich zu gestalten. Dazu müssen verbindliche und fachlich untersetzte Handlungsstandards genutzt werden. Zentrale Handlungsstandards sind vor allem das Hilfeplangespräch, der Prüfprozess bei angezeigter Kindeswohlgefährdung und die Gestaltung eines förderlichen Umgangs.
Das Hilfeplangespräch
Diese Gespräche finden regelmäßig (halbjährlich) statt und dienen dazu, die Hilfe zu kontrollieren und auf Probleme zu reagieren. Der zentrale Aspekt liegt darin, dass die geplanten und erreichten Entwicklungsziele reflektiert werden. Die erforderlichen Dokumente dazu sind ein Arbeits- und ein Monatskonzept bzw. ein Projektplan.
Für eine angemessene Vorbereitung empfehlen wir zwei Dinge.
Zum einem ist es hilfreich sich vor Beginn des Hilfeplangesprächs den geplanten Ablauf und die relevanten Fragen durch den PKD zuschicken zu lassen. Zum anderen ist es nützlich sich selbst folgende Fragen so zu beantworten, dass Sie dazu Ausführungen machen können.
An welchen Entwicklungsschritten haben wir mit unserem Pflegekind gearbeitet?
Welche Erfolge konnten wir erzielen?
Woran sollten wir als nächstes arbeiten?
Der Prüfprozess bei angezeigter Kindeswohlgefährdung
Bei einer Anzeige muss der PKD eine entsprechende Prüfung vornehmen. Diese Prüfung muss einem verbindlichen und fachlich untersetzen Handlungsstandard folgen.
Hier unsere Anregung für Sie:
Versichern Sie sich bei der Mitarbeiterin, dass Sie sich im Prozess der Prüfung einer Kindeswohlgefährdung befindet.
Lassen Sie sich beschreiben, worin genau die Meldung besteht.
Lassen Sie sich vor der Befragung bzw. Prüfung den Handlungsstandard (Vorgehensweise) erklären.
Der Prozess zur Sicherung eines förderlichen Umgangs
Die Gestaltung des Kontakts zur Herkunftsfamilie muss gut geplant werden, da auch hier das Kindeswohl im Vordergrund steht und unbedingt bewahrt werden muss (Blog-Beitrag folgt in Kürze).
Insofern empfehlen wir Pflegeeltern auf folgendes zu achten bzw. einzufordern:
Es gibt ein fachlich erstelltes Umgangskonzept, in dem alle Beteiligten einbezogen wurden und vor allem der Wille des Pflegekindes seine Berücksichtigung findet.
Es gibt nach den geplanten Umgangsterminen einen unmittelbaren Austausch mit dem PKD zu den Aspekten, die im Umgangskonzept festgehalten wurden. Hierzu gehören vor allem die Stabilität des Kindes vor, im sowie nach dem Kontakt, das Verhalten der Herkunftseltern und ob alles, wie geplant verlaufen ist.
Es gibt regelmäßige Reflktionsgespräche mit allen Beteiligten darüber, ob das Umgangskonzept erfolgreich umgesetzt wird bzw. Veränderungen vorgenommen werden sollten.
Fazit: Fachwissen als Fundament der Partnerschaft
Ihr Engagement als Pflegeeltern ist von unschätzbarem Wert. Das Wissen um die Struktur, die Fachlichkeit und die Prozesse des Jugendamtes ist dabei keine bloße Formalität, sondern ein wesentliches Handwerkszeug, um die Pflege und Erziehung des Kindes erfolgreich zu gestalten. Indem Sie die Arbeitsweise des ASD und PKD verstehen und die relevanten Fragen stellen, übernehmen Sie eine aktive Rolle. Dies befähigt Sie dazu, die Qualität der Hilfe mitzugestalten, das Kindeswohl professionell zu sichern und sich selbst in der komplexen Zusammenarbeit mit den Behörden wirksam zu positionieren. Nutzen Sie dieses Wissen als Grundlage für eine starke und fachlich fundierte Partnerschaft im Helfersystem.
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